Live-Musik: Wie geht es weiter?

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Live-Musik: Wie geht es weiter?

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Sind Drive-in-Gigs und Pay-per-view-Konzerte die Zukunft nach der Pandemie?

Covid-19 hält die Musikwelt nach wie vor in einem eisernen, ansteckenden Griff. Live-Entertainment wie früher kommt derzeit schlichtweg nicht infrage, also suchen die Protagonisten der Szene, finanziell oft in prekärer Lage, nach Wegen, ihre Kunst zu präsentieren und Geld in die Kasse zu bringen.

Ein US-Unternehmen namens Cadenza TV beispielsweise hat begonnen, aus mehreren Kameraperspektiven aufgenommene Live-Konzerte als Pay-per-view-Streams auszustrahlen. The White
Buffalo (Jake Smith) zeigte kürzlich zwei derartige Shows auf Cadenza zur Promotion seines neuen Albums ON THE WIDOW’S WALK. Im April schalteten sich Fans aus 68 Ländern zu, um den einstündigen Auftritt zu sehen, gefolgt von einer Frage-Antwort-Session, alles in HD-Qualität.

Im Juni folgte eine Show, bei der die Fans die Setlist bestimmen durften, aufgenommen in der Belly
Up Tavern in Kalifornien. „Niemand behauptet, dass digitale Auftritte jemals ein Live-Konzert ersetzen werden“, sagt Stephen DeBrincat von Cadenza. „Der Schweiß, die Energie, die Aufregung machen das Erlebnis, eine Band live zu sehen, so einzigartig. Aber ich glaube, dass das, was wir hier haben, unter den gegebenen Umständen dem so nahe wie möglich kommt.“ Etwa 1.500 Zuschauer bezahlten, um den Auftritt in der Belly Up Tavern zu verfolgen, und es gab Tickets in drei Preisstufen. Offenbar war dieses Arrangement ein Gewinn für alle Beteiligten: Die Fans bekamen die Musik, die sie lieben, die Künstler konnten auftreten und Geld verdienen, und auch der Veranstaltungsort konnte auf diesem Weg überlebenswichtiges Einkommen generieren.


„Die Belly Up Tavern war drei Monate lang geschlossen gewesen, für uns waren diese Einnahmen also Gold wert“, sagt Chris Goldsmith vom Team der Halle. „Wieder eine Live-Show beherbergen zu können, war eine Freude und ein Segen.“ Wie kompliziert war die Logistik im Vergleich zu einem normalen Konzert? „Es war kompliziert. Zuerst haben wir die Halle tiefengereinigt. Und natürlich waren da nur die Leute, die da sein mussten – die Band, die Kameracrew, ein Ton- und ein Lichttechniker. Wir achteten sehr auf die Abstandsregeln, alle trugen Masken, inklusive der Band, außer auf der Bühne. Es wurden auch riesige Entlüfter aufgestellt und die Türen blieben oben, also fühlten sich alle sicher.“ Wichtig war auch, dass die Qualität des Streams mit der einer DVD vergleichbar war. Fans wissen nur zu gut, dass viele Wohnzimmerkonzerte im Netz auf Smartphones aufgenommen werden und dementsprechend nicht
unbedingt qualitativ hochwertig sind.

Nach dem Erfolg mit The White Buffalo will Cadenza nun weitere Künstler präsentieren. „Viele Bands suchen nach Strategien, um in dieser neuen Welt auftreten zu können, und wir helfen ihnen dabei“, so DeBrincat. „Wir werden Shows in den Niederlanden und in Großbritannien machen, ebenso wie in den USA und Kanada. Unser Angebot an die Bands formulieren wir so: ‚Wir wissen, dass euch das Angst macht. Ihr habt keine Ahnung, wie viele Fans zusehen werden. Aber wir sind bereit, dieses Risiko auf uns zu nehmen‘. In den nächsten Monaten werden wir viele dieser Shows sehen, in verschiedenen Genres.“

The White Buffalo fand jedenfalls Gefallen an seiner ungewöhnlichen Show im Belly Up: „Ich
bin begeistert von der Hochwertigkeit der Präsentation“, sagt er. „Ich habe andere Auftritte gesehen,
wo jemand in seiner Unterwäsche zuhause sitzt, der Ton aussetzt und das Bild pixelt. Das hier ist ein völlig anderes Modell. Ich muss aber auch sagen, dass es seltsam ist, vor einem Raum voller
Kameramänner zu spielen statt vor einem Publikum. Das fühlte sich zunächst ziemlich eigenartig an und ich musste da irgendwie hindurch navigieren, das ist also immer noch ein Lernprozess. Für die Fans zuhause vor ihren Computer- und TVBildschirmen muss sich das auch ziemlich anders angefühlt haben.“ Das „Protokoll“, wonach man nach dem Hauptset von der Bühne geht, um dann für eine Zugabe oder gar noch eine zweite zurückzukommen, wurde auch hier im Belly Up eingehalten, doch in Zukunft werden sich die Künstler da etwas anderes einfallen lassen müssen, denn diese ausgedehnte Stille war für die Band eher schmerzhaft.

„Yeah, absolut“, so The White Buffalo, „und ich hatte nicht mit einer zweiten Zugabe geplant, aber man sagte mir, dass ein Haufen Leute danach verlangt hätten, warum also nicht?“ Er glaubt auch, dass solche professionellen Konzert-Streams zumindest momentan die beste Lösung für Live-Entertainment sind, solange die Auftrittsorte geschlossen bleiben. „Ich denke nicht, dass es jemals einen adäquaten Ersatz für Konzerte, wie wir sie kennen, geben kann, aber als vorübergehende Notlösung haben wir im Moment keine anderen Optionen.“ Der Sänger gibt zu, dass er „im Zwiespalt“ darüber war, sein neues Album ON THE WIDOW’S WALK überhaupt mitten in der Pandemie zu veröffentlichen, doch schließlich zu dem Schluss kam, dass „die Leute neue Musik brauchen, um sich in schweren Zeiten zu unterhalten. Ich wünschte nur, dass wir auf Tour gehen könnten, um es zu promoten, und dass ich wüsste, wann all diese Probleme mit Live-Shows vorbei sein werden. Niemand weiß es. Und wenn es dann so weit ist, wie wird das aussehen? Werden die Künstler in größeren Hallen, aber vor kleinerem Publikum spielen, damit Abstandsregeln eingehalten werden können? Und wie soll das Verhalten der Zuschauer überwacht werden?

Früher rannten alle zum Bühnenrand. Wird man in Zukunft Bereiche abgrenzen oder Quadrate auf den Boden malen? Ich weiß es einfach nicht. Und davon abgesehen, wie viele Hallen werden diese Monate ohne Einkommen überleben? Ich höre besorgniserregende Gerüchte, dass das Troubadour [in West Hollywood], in dem seit 60 Jahren Konzerte stattfinden, nicht wieder öffnen wird. Das wäre ein schrecklicher Verlust.“ Würde er in einem Drive-in-Areal spielen, wie das schon andere Künstler ausprobiert haben? „Absolut. Im Moment ziehen wir so ziemlich jede Option in Erwägung, die es uns erlaubt, wieder loszuziehen.“ Das Format ist bereits getestet worden. Doro Pesch postete nach einem Konzert in Worms ein Bild von sich abseits der Bühne inmitten von Autos voller Fans, aber im gebührenden Abstand zu ihnen. „Was für ein umwerfendes Publikum“, sagte sie. „Wir hatten einen Riesenspaß.“

Doch nicht jeder ist von dieser Idee angetan. Robb Flynn, Frontmann von Machine Head, sagte im „Kerrang!“: „Ich habe mir eine Drive-in-Show angesehen, bei der die Leute in ihren Autos saßen und hupten, wenn ihnen gefiel, was die Band spielte. Das war die dümmste Scheiße, die ich je gesehen habe.“ Andy Taylor, der einstige Gitarrist von Duran Duran und Power Station, der auf einer PackageTour von Live Nation mit Reef spielen wird, hält das Format dagegen für gut durchdacht: „Bis zu sieben Leute pro Auto und ein zugewiesener Bereich daneben, in dem sie stehen und trinken können – jede Menge Platz zum Moshen. Meiner Meinung nach brauchen wir etwas Neues, denn nächstes Jahr wird alles komplett im Arsch sein. Die einzige andere Wahl ist, zuhause zu bleiben. Und nach all der angestauten Hölle und dem Frust der letzten Monate finde ich, dass die Leute ein bisschen Entertainment verdient haben. Wir haben die Chance, da etwas aus der Asche wachsen zu lassen.“


Das vielleicht größte Problem wird aber sein, wie viele Fans sich überhaupt trauen werden, auf Konzerte zu gehen wenn die Richtlinien es wieder zulassen. In einer Umfrage beantworteten nur 36 % diese Frage mit „Ja“, obwohl 89 % angaben, dass sie gerne wieder ein Konzert besuchen würden. Während die Industrie herauszufinden versucht, wie die Zukunft aussehen wird, nutzen die Künstler weiterhin das Internet als Plattform für Workshops, Podcasts, Konzerte und Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Auf Gibson TV wurden die „Homemade Music Sessions“ gestreamt, mit Darbietungen von u. a. Doors-Gitarrist Robby Krieger, Lzzy Hale und Joe Hottingen von Halestorm, BonJovi-Gitarrist Phil X, Jared James Nichols und vielen mehr. Guy Pratt, der britische Bassist und Songwriter, der für seine Arbeit mit Pink Floyd bekannt ist, erreichte zehn Episoden seiner Meisterklasse-Serie „Lockdown Licks“. Andere Künstler wie Steven Wilson und Tim Bowness haben weiterhin faszinierende Podcasts veröffentlicht. Für Acts, die regelmäßig online aufgetreten sind, war es eine Herausforderung, das Ganze nicht langweilig werden zu lassen.

Die UK-Rocker SKAM spielten jeweils jedes Album aus ihrem Katalog in voller Länge, gefolgt von einem Set mit „New Wave Of Classic Rock“- Covers sowie einem weiteren mit Songs aus den vorigen Wochen, die sich die Fans ausgesucht hatten. Andere nutzten die Auszeit, um mit Freunden zusammenzuarbeiten, daher die Cherry-Truck-Band-Serie, eine Fusion von Black Stone Cherry und Monster Truck. Aus ihren Wohnzimmern gaben sie live Einblicke aus nächster Nähe in den Prozess der Entstehung eines Songs.

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